147. Karl Johann


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Sohn des Georg Hermann Joachim v. Freymann (Nr. 96) und dessen Gattin Caroline Louise v. Lobry, geboren in Dorpat den 16. Juli 1878.




Karl Johann (Nr. 147)

Er besuchte das Privatgymnasium in Dorpat und trat dann - da dieser Anstalt aus politisch nationalen Gründen das Recht der Abiturientenzulassung entzogen worden war - für die letzten beiden Schuljahre in das Pernausche Gymnasium über, wo er 1898 das Abiturientenexamen bestand. Im August desselben Jahres bezog er die Landesuniversität Dorpat.

Während seiner Universitätszeit, die dem Studium der Geschichte gewidmet war, trug er Deckel und Band der Livländer. Mit Wort und Hieben gleich schlagfertig, war er der Stolz seiner Landsleute.

sagt die "Baltische Post" in ihrem Karl Johann v. Freymann gewidmeten Nachruf. Nachdem er 1903 sein Staatsexamen in Dorpat bestanden, setzte er seine Studien an der Universität Berlin fort und kehrte 1904 in die Heimat zurück. Hier nahm er Anfangs in Fellin bei seinem Bruder Georg (Gory) v. Freymann (Nr. 144) seinen Wohnsitz, wo er auch schon in seiner Studienzeit während der Ferien ein stets gern gesehener Gast gewesen. Schon zu Anfang 1905 wurde er als Mitarbeiter der "Baltischen Monatsschrift" und der " Dünazeitung" nach Riga berufen, trat dann in die Redaktion der "Rigaschen Rundschau" ein und gehörte seit dem 1. Januar 1906 zum Redaktionsstabe der "Rigaschen Zeitung". Gleichzeitig gehörte er in den Jahren 1905 und 1906 auch der Presseabteilung des Livländischen Landratscollegiums an.

Sein großes journalistisches Talent und seine bedeutende Arbeitskraft stellten ihn trotz seiner Jugend in die erste Reihe unserer Publicisten, schreibt die Baltische Post in ihrem Nachruf. Was er schrieb, das trug den Stempel eines selbständig denkenden Kopfes und eines feinausgebildeten Stilgefühls.

Als er nach beendigtem Studium ... sich in Riga niedergelassen, machte er sich an Arbeiten und Aktenstudien, sagt die Rigasche Zeitung, die dem jungen Dichter wohl trocken und hart vorgekommen sein mögen, aber mit unbeirrbarem Fleiß erledigt wurden. Wie er dann den spröden Stoff in seiner Bearbeitung meisterte, darin zeigte sich wieder seine schöpferische Eigenart, die sich durch nichts zurückdrängen ließ. Den Anforderungen besagter Forderung mag er nicht immer ganz genügt haben, aber was er bot, war ein Kunstwerk voll Geist, Leben und Anschaulichkeit ... Mit seinem Fleiß und seiner großen Begabung hatte Karl Johann v. Freymann, als er sich dann auch der Journalistik zuwandte, sich außergewöhnlich schnell auch in das schwierige Gebiet baltische Politik hineingearbeitet. Jede Frage machte er sich rasch zu eigen. Die Behandlung des Stoffes aber zeigte immer seine Eigenart. Auch im politischen Leitartikel war er oft stimmungsvoll und von psychologischer Feinheit, in der Polemik voll geistvoller Ironie, überraschender Einfälle und scharf zeichnender Antithese. Auch wo gerechter Zorn seine Feder leitete oder in übermütiger Laune hielt er immer das Maß seinen Geschmacks und vornehmen Empfindens ein.

Aus der großen Zahl seiner Arbeiten seien hier genannt: "Über den Geist der livländischen Kolonisation" in Baltische Monatsschrift 1904, Heft 7-8; "Nicht in die Wellen des Meeres" in Baltische Monatsschrift 1905 Heft 4; "Laster und Leidenschaft von J. zu R. Lenz Hochtur" in Baltische Monatsschrift 1905 Heft 1; "Zur Reform des humanistischen Gymnasiums" in Baltische Monatsschrift 1905 Heft 10; "Um die livländische Volksschule" in Baltische Monatsschrift 1905, Heft 5; "Nochmals die Krisis des Baltischen Deutschtums" in Deutsche Monatsschrift für das gesamte Leben der Gegenwart (Julius Lohmeyer) März 1906, Heft 6. Die "Lettische Psychose" in der Nach Hardenschen "Zukunft" 1906 (unter dem Pseudonym: Meinhard v. Segeberg. (Verlag Alexander Duncker, Berlin)); "Die russische Revolution" in Türmer Jahrbuch 1907 (Jeannot v. Grotthuss, Verlag v. Greiner und Pfeiffer, Stuttgart); Einleitung zu der Festschrift des deutschen Vereins in Livland zur Wiedereröffnung der deutschen Schule in Riga 1906.

"Was Freymann hier", schreibt die Dünazeitung zum letztgenannten Aufsatz, "über die Kulturzerstörenden Tendenzen der Russifizierungszeit, über den Zwiespalt, den sie in die Herzen der jungen deutschen Generation getragen hat, gesagt hat, das ist aus dem heißempfundenen Sinne, aus dem vor Bewegung vibrierenden Gemüt eines gequollen, der seiner Heimat Wohlergehen auf liebendem Herzen trug."

So sehr Karl Johann v. Freymann auch an seiner journalistischen Tätigkeit Freude hatte, so war er seiner innersten Berufung nach Dichter,

ja fast möchten wir glauben, schreibt die Dünazeitung, daß er sich bei längerem Leben von dem häßlichen politischen Treiben ganz zu den freieren und reineren Gefilden der Dichtung geflüchtet hätte, dessen sein Herz besonders zustrebte. Denn Karl Johann v. Freymann war ein Dichter, dem die Musen hold waren

Mit leichtem Spiel der Phantasie, sagt die Rigasche Zeitung in ihrem Nachruf, hatte Karl Johann v. Freymann in seinen ersten Novellen - Pupa und anderes (Dresden, E. Piersons Verlag 1904) und Aus verlorenem Winkel (Dresden, Piersons Verlag 1905) - begonnen. Aber schon die wenigen Gedichte, die er fast gleichzeitig der Öffentlichkeit übergab, ließen eine Begabung von feinstem, eigenartigem Reiz und reiches Empfinden ahnen, dazu auch freieste Beherrschung der Form und Sprache. Dann folgten die beiden Einakter: "Nach dem 9. Thermidor" - (Bühne und Welt, Verlag Otto Elsner, Berlin Leipzig Wien, Septemberheft - 2-1905) - und "Masken" - (Bühne und Welt, Februarheft - 2-1907) - beide von entzückender Grazie und Feinheit, nicht minder aber Schöpfungen einer reichen Phantasie und unverkennbarer dramatischer Begabung.

Nach einem novellistischen Versuche, schreibt die Dünazeitung, in dem man bereits die werdende poetische Kraft erkennen konnte und manchem feinempfundenen Gedicht trat er in dem graziösen und geistvollen Lustspiel "Nach dem 9. Thermidor" in unserem Stadttheater vor das Publikum mit einem Werk, das als ein Kabinettstück prächtiger Gestaltungskraft und psychologischer Meisterschaft glänzende Aufnahme fand. Es war ein Zeugnis starker dichterischer Begabung, die ihn mit einem Schlage nicht nur in den Vordergrund unserer so spärlich gesäten baltischen Poeten, sondern als ebenbürtigen Dichter in die Reihe der deutschen Poeten stellte.

Es sind noch nicht vier Monate her, schreibt die Baltische Post in ihrem Karl Johann v. Freymann gewidmeten Nachrufe, als in unserem Stadttheater drei kleine Werke baltischer Verfasser zur Uraufführung gelangten. Nur einige hundert Kunstfreunde waren es, die sich damals versammelt hatten, aber freudig und groß war die Überraschung, als der letzte Einakter "Nach dem 9. Thermidor" sich als die Schöpfung eines echten hochbegabten Dichters erwies. Der Beifall war so echt und herzlich, wie ihn unser Theater nicht allzu häufig erlebt haben mag. Und er hörte nicht auf, als bis der Dichter an die Rampe trat. In jenem Augenblick wird sich vielleicht manch einer gefragt haben:" Was, dieser unansehnliche Mensch ist es, der so dichten kann und dessen Worte wie Geigen singen und wie Edelsteine blitzen?" Inzwischen machte Karl Johann v. Freymann einige recht unbeholfene Verbeugungen und war froh, wieder hinter die Kulissen zu kommen. Er mußte aber noch zu wiederholtem Male hervortreten und sich für den reichen Beifall bedanken. Das mag ihm sehr unangenehm gewesen sein, denn ihm lag nichts an Äußerlichkeiten. Er gehörte zu jenen, die ganz und gar innerlich leben. Das Materielle kam für ihn kaum in Betracht. Selbst sein eigener Körper war ihm gleichsam etwas Fremdes.

Denselben Vorgang schildert K. M. in den "Rigaschen neuesten Nachrichten" anläßlich einer Wiederholung des Stückes im Jahre 1910:

Der Abend des 9. Januar 1907 ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Über die 1350 Plätze des Theaters hatten sich 396 Personen verteilt. Das war natürlich sehr wenig, aber es sollten drei Einakter baltischer Verfasser gespielt werden, und der heimatlichen Dichtkunst steht unser Publikum nicht ganz mit Unrecht einigermaßen skeptisch gegenüber. Die beiden ersten Dritteile des bewußten Abends ließen diese vorsichtige Haltung tatsächlich und leider als begründet erscheinen. Aber dann hob sich der Vorhang zum letzten Mal und es wurde ein Dichter entdeckt. Ein echter, wahrer Dichter: Karl Johann v. Freymann. Seine entzückend graziöse Dichtung aus der französischen Revolution (1795) "Nach dem 9. Thermidor" rief so einen herzlichen Beifall hervor, wie man ihn in unserem Theater nur selten erlebt. Die 396 Personen hatten die Sorge um ihre Galoschen total vergessen und klatschten hartnäckig in die Hände. Währenddessen saß der Dichter still und unbekannt in einer Parkettreihe. Ich stand in der Logentür, als Direktor Steiniker herbeigeeilt kam: "Wissen Sie nicht, wo Herr v. Freymann ist? Er muß doch auf die Bühne!" So ging ich denn, ihn zu holen und wenige Augenblicke später hatte man den seltsamen Anblick Karl Johann v. Freymann in zerknittertem Alltagsanzug bei der Rampe stehen und einige erheiternd unbeholfene Verbeugungen machen zu sehen ... Wenige Monate später, am 27. April 1907, schloß er inmitten der sonnigen Berge Südtirols für immer die schönheitsdurstigen Augen.

Ein tückisches Lungenleiden, das wohl schon längere Zeit an ihm gezehrt, war im Drange des Schaffens nicht von ihm bemerkt worden und warf nun den stets Sorglosen nieder. Vergebens suchte er in Meran Heilung von der Krankheit, als es bereits zu spät war. Am 27. April 1907 ist er dort an einem Herzschlag verschieden. Sein Körper wurde am 14. Mai 1907 auf dem evangelischen Friedhof in Meran zur Ruhe gebettet. Als "Nach dem 9. Thermidor" so durchschlug, hatte Karl Johann bereits ein zweites vieraktiges Schauspiel verfaßt, das bei R. Piper et CO (München und Leipzig) erscheinen sollte, dessen Korrekturbogen er noch auf dem Krankenbette lesen konnte, dessen Erscheinen er aber nicht mehr erlebte. Aus einem engeren Kreise war es schon durch Rezitation zugänglich geworden.

Hier hatte er sich, schreibt die Dünazeitung, die hohe und eminent schwierige Aufgabe gestellt, ein zeitgenössisches Thema dramatisch zu erfassen und plastisch zu gestalten. Es war nichts geringeres als die lettische Revolution, die der Gegenstand seines Dramas "Der Tag des Volkes" bildet und in dem er in vier Szenen von höchster Beweglichkeit und straffer, atemberaubender Steigerung den Werdegang dieser entsetzlichen Ereignisse uns vor Augen stellt. Es ist nicht zutreffend, wenn in einer Ankündigung des demnächst im Druck (R. Piper und C0, München) erscheinenden erschütternden Werkes gesagt wird, es stelle einen Ausschnitt aus den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit ohne jede Parteinahme mit der Objektivität eines Künstlers dar. "Der Tag des Volkes" ist nicht nur das Werk eines Künstlers, sondern zugleich die Tat eines unter dem Zusammenbruch der geliebten Heimat auf das schwerste leidenden Patrioten. Das schließt natürlich nicht aus, daß es sowohl künstlerische, wie zeitgeschichtliche hohe Qualifikationen hat, und der Vergleich ist nicht schief, der es neben Hauptmanns "Weber" stellt.

Eine heiße Luft weht aus diesem Stücke, in dem die ganze Schwüle und Spannung des schlimmen Jahres 1905 steckt, des Jahres, das mit einem Schlag so viel hinweg fegte, schreibt B. v. S. im Rigaer Tageblatt. Der Dichter hat dieses Jahr in der Heimat verlebt, er war kurz vorher aus Deutschland zurückgekehrt und kam mitten in den Sturm hinein. Aus Zorn und Schmerz heraus ist das Drama geschrieben, aber der Stoff hat den Künstler nicht überwältigt, sondern der Künstler wurde seiner Herr.

Wir danken unserem allzu früh dahingegangenen Landsmann Karl Johann v. Freymann, schließt die Dünazeitung ihre R. v. S. gezeichnete Besprechung des Dramas, diese großzügige dichterische Apologie unserer baltischen Lebensarbeit. Sein Herz hing voll heißer Liebe an der Heimat, aber sein Blick ruhte tief und sein Auge auf den Sturmeswogen, die über unser Land dahingingen.

Als seine nachgelassenen lyrischen Gedichte 1909 in E. Piersons Verlag (Dresden) erschienen, schrieb das Rigaer Tageblatt:

Was die Lyrik betrifft, so sind Freymanns lyrische Gedichte fast ebenso hoch zu schätzen wie der Thermidor (welcher wohl sein künstlerisch vollendetstes Werk ist). In seinen Gedichten finden sich wahre Perlen. Formensinn und Kraft der Empfindung reichen sich hier die Hand. Sein hoch entwickelter Verstand und sein reiches Gemüt, sein warmer und sein voller Sinn des Wortes edles Poetenherz schufen ihm Dichtungen, die den besten in deutscher Sprache an die Seite gestellt werden können. Da sind lustige Verse, die von ganzem Herzen lachen machen und Gedichte, die das Innerste erschüttern und lange nachklingen.

Ein nachgelassener Einakter "Franceska" ist im Jahre 1908 zusammen mit den bereits in "Bühne und Welt" (1905 beziehungsweise 1907) zu Lebzeiten des Dichters veröffentlichten Einaktern "Nach dem 9. Thermidor" und "Masken" unter dem Gesamttitel "Masken" bei R. Piper und CO (München und Leipzig) erschienen, von einem biographischen Vorwort seines Freundes Bruno Erdmann geleitet. Ein großer heimatlicher Roman aus der Gegenwart, an dem Karl Johann v. Freymann zuletzt gearbeitet hatte, ist nicht über den Anfang hinausgekommen. Auch dieses hat sich in seinem Nachlaß leider nicht vorgefunden, so daß anzunehmen ist, daß er ihn vor seinem Tode selbst vernichtet hat.

Die bereits geschriebenen Kapitel, sagt die Baltische Post in ihrem Nachruf, überzeugen davon, daß diese Arbeit etwas Bedeutendes geworden wäre. Nun hat ihm der unerbittliche Tod die schöpferische Feder aus der Hand genommen. Ein Mensch von reichen Geistesgaben, tiefem Gemüt und makellosem Charakter wird mit Karl Johann v. Freymann zu Grabe getragen. Der einzige Schmerz, den er uns zugefügt hat, das ist sein Tod, sein früher Tod.

Wie ich Sonnabend in Riga die Trauernachricht erfuhr, heißt es in einer Zuschrift an die Baltische Tageszeitung, Karl Johann v. Freymann sei in Meran gestorben, da war es mir einen Augenblick - mag es auch trivial klingen - als ob die Frühlingssonne nicht mehr so hell schiene, wie zuvor. So ein lieber, feiner Mensch, so eine gerade, vornehme Natur. Da wimmelt die Straße von gleichgültigen, unnützen Dutzend Menschen, sie lachen und schwatzen und einer, der mehr war als hundert von diesen, der Einzige unter uns Jungen, der was konnte und was war, der mußte, noch nicht dreißigjährig, hinübergehen in jenes unbekannte Land, aus dem es keine Rückkehr gibt.

Karl v. Freymann war doch eigentlich unser einziger Dichter. Ich möchte die hochgeehrten Herren Poeten unserer Heimat durch dieses kategorische Urteil nicht kränken, aber ist es nicht wirklich so? Gewiß ist vieles Hübsche, vieles Gute sogar, auch sonst in der zeitgenössischen baltischen Literatur, aber wirkliche dichterische Leistungen, Dinge deren Nichtleistung einen Verlust für uns bedeuten würden, die hat doch nach Pantenius "Die von Keller" von uns nur Karl v. Freymann geschaffen ... War der Dichter eigentlich erst ein Versprechen, so hat der Mensch trotz aller seiner Jugend doch schon viele reich beschenkt. Welch eine treue Pflichterfüllung, was für ein froher Idealismus, in unserer Zeit der negativen, materialistischen Jugend doppelt wertvoll. Ein Mensch, der immer die Sache über die Person stellte, der so fein und hoch von Allem dachte, welch eine heiße Liebe zum Guten, Schönen und Wahren, welch ein sprühender Haß gegen alles Niedrige und Gemeine.

Wer, wie es dem Schreiber dieser Zeilen gegangen ist, kaum in einer einzigen Frage, weder in aestheticis noch in politicis, völlig mit Freymann übereinstimmte und doch nach stundenlangen temperamentvollen Debatten niemals die leiseste Mißstimmung nach Hause nahm, der kann vielleicht am besten ermessen, wieviel herzliche Liebenswürdigkeit und wieviel seelischen Adel wir jetzt zu Grabe tragen. So ein lieber, feiner Mensch - wir starren in das Dunkel und fragen beklommen: Warum?

Der wahren Dichter, die unser Land hervorgebracht, sind nicht viele, schreibt die Rigasche Zeitung. Und nun jetzt, wo wir hoffen durften, daß unserer Heimat wieder einmal ein echtes starkes Talent geschenkt sei, wo wir Zeuge waren, wie ein dichterischer Genius zu höherem Flug die Flügel regte - jetzt ist uns dieses Talent durch den frühen Tod Karl v. Freymanns jäh entrissen worden.

Sein Tod, schreiben die Rigaschen neuesten Nachrichten in Erinnerung an Karl Johann v. Freymann im Jahre 1910, war ein schwerer Verlust für alle, die ihn kannten und für alle, denen die heimatliche Dichtkunst etwas bedeutet. Und die klaffende Lücke ist bisher nicht ausgefüllt worden, so weit von Ersatz eines so feinen und eigenartigen Talents überhaupt die Rede sein kann.

Nach J. M. R. Lenz ist Karl v. Freymann der einzige baltische Dramatiker von Rang," urteilt das Rigasche Tageblatt, dies muß bei einer jeden Würdigung des Dichters festgehalten werden, denn Freymann zählt zuerst und vor allem als dramatischer Dichter. Als vor wenigen Monaten das einaktige Lustspiel "Nach dem 9. Thermidor" im Rigaer Stadttheater aufgeführt wurde, da staunte die ganze kritische Zunft: Das war ja wirkliche Kunst, eine Dichtung edelster Art, ein vollwertiges Bühnenwerk. Wer das gekonnt hatte, der konnte auch mehr!

Persönlichkeiten wie Karl v. Freymann sind nicht häufig, sagt die Rigasche Rundschau in ihrem Nachruf. Schlicht, bescheiden und liebenswürdig in seinen äußeren Werten, einer Reinheit des Charakters, der ihn das Häßliche und Niedrige nur durch das Medium der Phantasie und feinen psychologischen Anempfindens verstehen ließ. Eine Dichternatur ohne Schärfe und Härten, die sich unbewußt über die Wirklichkeit erhob. Bei aller Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit aber von innerlichem Selbstgefühl, ein männliches Behaupten der eigenen Persönlichkeit und Vertreten der eigenen Überzeugung. Eine jener glücklichen Naturen, die, obgleich äußerlich unscheinbar, doch nicht in scharfem Kampf sich durchzusetzen brauchen, weil ihr innerer Wert und ihre Reinheit gewinnt und gefangen nimmt. Dabei ein von Geist und Laune übersprudeln der Gesellschaften, wo er geistiges Verständnis fand.

Und nun ist er so plötzlich dahingegangen, das Opfer eines Lungenleidens, das ihn vor wenigen Monaten erfaßte und nach Meran trieb, schreibt die Dünazeitung, Bewegten Herzens stehen alle, die ihn gekannt und geliebt, seine Landsleute von der Livonia, die früh seine universelle Begabung erkannten, seine Kollegen und Freunde an seiner Bahre. Mit ihnen aber vereinigen sich alle, die an den Gaben, die er uns geboten, ihre Freude gehabt und die von ihm noch so viel erhofften für unser Land und die Allgemeinheit.

Der Felliner Anzeiger schließt seinen, dem Verstorbenen gewidmeten tiefempfundenen Nachruf mit den Worten:

Die nahen verwandtschaftlichen Bande, welche Karl Johann v. Freymann an Fellin knüpfte, haben es gefügt, daß er in unseren Mauern kein Fremdling, sondern ein stets gern gesehener Gast war, dessen liebenswürdige Persönlichkeit die Herzen Aller gewann, die zu ihm in Beziehung traten. Seine lebhafte, oft geistsprühende Art, sein warmes Empfinden, sein unverwüstlich gesunder nie versagender und verletzender Humor konnte selbst Alltagsmenschen mit fortreißen, denen in ihrer nüchternen Verknöcherung das Verständnis für Heiterkeit und Frohsinn bereits erstorben schien.

So reißt der zu frühe Heimgang Karl Johann v. Freymanns auch hier am Ort eine schmerzliche Lücke. Wir alle, die wir ihn so gern hatten, werden ihm in Wehmut ein freundliches Andenken bewahren. Sei ihm die Erde leicht, die jetzt in weiter Ferne seine einsame Ruhestätte deckt.

Ein Freund, der 1908 sein Grab in Meran besuchte, schrieb hier die Verse:

Ringsum die Berge verhüllen
In Trauer ihr sagendes Haupt,
Als ob sie des Freundes gedenken,
Den hier mir das Schicksal geraubt.

Die Fluten der Wasser, sie rauschen
Geheimnisvoll klagend ihr Lied,
Sie Kunden: hier ruhet ein Dichter,
Dem Karg nur das Leben geblüht.

In Häupten, da blühet und duftet
Die herrliche Rose rot,
Ich höre sie leise rauschen:
Die Liebe besieget den Tod.

Den nie im Wechsel des Lebens
Die Liebe zur Schönheit verließ,
Zur Todesruh ward Dir beschieden
Auf Erden ein Paradies.


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