165. Otto Nikolai Julius Samuel


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Sohn des Rudolph Karl Ernst v. Freymann (Nr. 108) und seiner Gattin Elisabeth Wilhelmine Christine v. Schwarz, geboren am 17. September 1849.




Otto Nikolai Julius Samuel

Er trat 1862 ins Pagencorps ein und wurde am 17. Juli 1867 zum Kammerpagen ernannt. Während der Vermählungsfestlichkeiten des Großfürsten Thronfolgers Alexander (späteren Kaisers Alexanders III.) mit der Prinzessin Dagmar v. Dänemark (späteren Kaiserin Maria Feodorowna) wurde er zum Kammerpagen des Großherzogs von Sachsen-Weimar ernannt und erhielt von ihm zum Andenken eine goldene Uhr. Am 12. Juni 1868 wurde er zum Fähnrich des Leibgarde-Gatschisch-Regiments (später Leibgardejägerregiment) befördert, am 30. August 1870 zum Secondeleutnant, am 2. April 1873 zum Premier-Leutnant ernannt. Nach Absolvierung des Kursus der Nikolai-Generalstabsakademie (später Kaiserliche Nikolai-Kriegsakademie) kehrte er 1875 ins Regiment zurück und wurde am 30. August 1875 zum Stabskapitän befördert. Mit Kaiserlicher Genehmigung wurde er dann in den Kaukasus kommandiert, um an den Kriegsoperationen des Corps, welches an der Kaukasisch-türkischen Grenze gegen die Türkei vordrang, teilzunehmen. Hier wurde er dem 16. Mingrelischen Grenadierregiment Seiner Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Dimitrii Konstantinowitsch zugeordnet.

Am 30. August 1877 erhielt er für Auszeichnung den St. Annenorden 3. Klasse mit Schwertern und Band. Als auch die Garde und die Grenadiere mobil gemacht wurden, kehrte Otto Nikolai Julius Samuel in sein Jägerregiment, das sich in Bulgarien befand, zurück, wurde jedoch auf Befehl des Hauptquartiers bereits am 16. Oktober 1877 in den Stab des westlichen Detachements von Plewna berufen, um dort die Funktionen eines Generalstabsoffiziers zu erfüllen. Nach dem Falle Plewnas wurde dieses Detachement aufgelöst und Otto Nikolai Julius Samuel am 18. Februar 1878 in den Stab des östlichen Detachements übergeführt. Am 16. April 1878 zum Kapitän ernannt, wurde er durch Befehl vom 6. Mai 1878 zur Disposition des Kaiserlich-russischen Kommissaren in Bulgarien (Fürst Dondukow Korsakow) gestellt und von diesem zum älteren Stabsadjutanten ernannt. Er bekleidete sodann das Amt eines älteren Adjutanten des Stabes der Occupationsarmee in Bulgarien bis er am 15. Februar 1879 zum Chef der Kommandanturverwaltung der Occupationstruppen ernannt wurde. Nach Auflösung der Kommandanturverwaltung wurde er auf eigenes Gesuch am 16. Oktober 1879 außer Etat gestellt. Vom 26. Juli 1880 bis zum 30 September 1884 kommandierte er - mit Umbenennung zum Oberstleutnant in Bulgarischen Diensten - die Infantrie-Druskina von Lowtja Nr. 13 (Druskina = selbständiges Bataillon von vier Kompanien). Unterdessen war er durch Befehl vom August 1884 bereits dem Finnländischen Kadettencorps zukommandiert worden und wurde am 17. November 1886 zum Oberstleutnant russischer Dienste umbenannt und als etatmäßiger Lehrer des Finnländischen Kadettencorps bestätigt. Am 5. April 1887 wurde er zum Oberst befördert. Nach Auflösung des Kadettencorps wurde er außer Etat gestellt und als Generalmajor mit Uniform verabschiedet. 1904 wurde er dann als Lehrer an das private finnische Lyzeum in Frederikshamn berufen.

Als Musikkenner und spezieller Freund der Militärmusik wurde er in die Allerhöchst bestätigte Kommission zur Prüfung des bestehenden Regiments für Regiments-Militärchöre und Verbesserung der materiellen Lage der Militärkapellmeister berufen. Mit Eifer widmete er sich auch dieser Aufgabe und hatte die Freude, auch hier volle Anerkennung zu finden.

Außer den bereits erwähnten Orden besaß Otto Nikolai Julius Samuel noch folgende Orden und Medaillen: den St. Wladimirorden 4. Klasse mit Schwertern und Band (1878), den St. Stanislaworden 2. Klasse (1879), den St. Annenorden 2. Klasse (1882), den St. Wladimirorden 3. Klasse (1890), den Bulgarischen St. Alexanderorden 4. Klasse (1882), die Hellbronzemedaille zur Erinnerung an den Krieg 1877-1878.

Eine Enkelin schreibt über ihn: "Mein Großvater war Offizier im Dienste des Zaren wie seine Brüder und Väter. Ob er das gern war, weiß Gott allein - solche Fragen stellte man zu seiner Zeit nicht. Er war nicht so intelligent, daß es störte. Zwar mangelte es ihm nicht an einer außerordentlichen Begabung, nur lag sie leider auf einem vollkommen irrelevanten Gebiet. Ruhm, Ehre und ein hohes Maß an persönlicher Befriedigung hätte er zweifellos finden können - bei der Musik. Aber auf den Gedanken, daß "Musiker" etwas sei, was man "werden" könnte, wäre in der Familie Freymann niemand gekommen. Einen Dichter hatte es einmal gegeben, aber der war, obwohl er auch einen "richtigen" Beruf hatte, sehr passend Anfang 30 an Schwindsucht gestorben. Ansonsten war man, wenn nicht Offizier, dann Gutsbesitzer oder meinethalben vielleicht Jurist im Dienste der Krone. Dirigenten, Sänger, Geiger und sonstige zigeunerhafte Berufe kamen nicht vor.

Der Enkel des Glockenhebers wurde also im Pagencorps erzogen und trug sein Lebtag nichts als Uniform - er besaß einfach keine Zivilkleidung (nicht einmal im selbständig gewordenen Finnland, nach der Revolution, schaffte er solche an!). - Eine glänzende Karriere stand ihm offen. Zu Finnland hatte er nur insofern eine Beziehung, als er seinen Urlaub gelegentlich auf dem Gut seiner Tante Marie (Manja, Nr. 113), die dorthin geheiratet hatte, verbrachte. Das Gut Brakila lag in der Nähe von Frederikshamn. Die Dörings, den Bräuchen des Landes entsprechend, führten ein gastliches Haus und verkehrten keineswegs nur mit dem Adel. Bei ihnen geschah es: Otto von Freymann begegnete Hildur Neovius. Die Liebe traf ihn coup de foudre. Vermuten kann man, was er dachte: daß ein bürgerlicher Mathematiker, der seine Töchter nicht einmal vermittels einer reichen Mitgift als gute Partien auf den Heiratsmarkt bringen konnte, es als eine besondere Gunst des Schicksals und als eine große Ehre betrachten müsse, wenn ein Adelsmann und Gardeoffizier um eines dieser armen Mädchen anhielt.

Im Baltikum wäre das wohl richtig gedacht gewesen. In diesem Fall lautete die Antwort schlicht: "Meine Tochter heiratet nicht nach Rußland." Otto v. Freymann durfte wählen: Entweder zog er nach Finnland, oder er bekam die Braut nicht.

Mein Großvater gab alles auf: eine glänzende Karriere, sein Milieu, seine Sprache. Etwas anderes als Offizier hatte er nicht gelernt, also mußte er es bleiben und das einzige, was ein russischer Offizier in Finnland tun konnte, war, in den oberen, "speziellen" Klassen des Kadettencorps, wo Russisch Unterrichtssprache war, militärische Fächer zu geben. Das tat er dann bis zu seiner Pensionierung. Schwedisch lernte er mit den Jahren einigermaßen, Finnisch nie (aber das brauchte man damals in gebildeten Kreisen nicht). Ob von der angeheirateten Verwandtschaft, von den Offizieren abgesehen, jemand Russisch konnte, weiß ich nicht; wahrscheinlich schon. Es zu sprechen - außer im Verkehr mit russischen Behörden oder wo es sonst absolut unvermeidlich war - kam so oder so nicht in Frage. Otto v. Freymanns Muttersprache war natürlich Deutsch, und das konnten auch die anderen; sie sprachen es durchaus mühelos, aber allgemeine Verkehrssprache war es eben doch nicht. Und zu allem Übel befand sich das Kadettencorps ja nicht etwa in Helsingfors, einem Ort, den man immerhin als Stadt hätte bezeichnen können, sondern in Fredrikshamn: mit ca. 6000 Einwohnern!

Es gab kein Theater, keine Oper, keine "societ\'e" - nichts. Bevor er sich endgültig in Krähwinkel niederließ, hatte er aber noch eine Kommandierung auf dem wilden Balkan zu absolvieren: im befreiten Bulgarien sollte er am Aufbau der neuen nationalen Armee mitarbeiten, die mit russischer Hilfe geschaffen wurde. Bulgarien war nicht Rußland. Die frisch getraute Hildur ging mit ihrem Mann nach Lowtja.

Meine arme Großmutter sprach weder Russisch noch Bulgarisch. Eine treue Seele, ihre eigene Kinderfrau war's, wenn ich mich nicht irre, begleitete sie, sonst wäre sie vollkommen isoliert gewesen - denn gar so viel Zeit kann der junge Ehemann nicht gehabt haben, sich um sie zu kümmern. Außerdem war sie schon zwei Monate nach der Hochzeit schwanger, und Otto v. Freymann war ein Mann von Welt: daß man eine Ehefrau "schont", wenn sie in anderen Umständen ist, verstand sich für ihn von selbst. Es herrschte im wilden Balkan auch kein Mangel an glutäugigen Töchtern des Landes, und russische Offiziere standen bei den Bulgaren in höchster Gunst. In Ottos Augen war die Situation völlig unproblematisch.

Aber ach! Die angebetete Hildur, mochte sie auch die Krone aller Frauen sein - eine Frau von Welt war sie nicht. Eine Bürgerstochter aus einer kleinen, sehr kleinen finnischen Provinzstadt war sie, und als sie erfuhr, wie die Dinge lagen (er hatte sich gar nicht besonders bemüht, es vor ihr zu verbergen, denn er wäre ja nicht auf den Gedanken gekommen, daß man dergleichen als "Untreue" betrachten könne), da brach ihr eine Welt zusammen. Über die Szenen, die sich zwischen den beiden abspielten, ist natürlich nichts überliefert. In der finnischen Verwandtschaft wurde die Geschichte zumindest unter deren weiblichen Mitgliedern \it sotto voce weitergegeben, als Beleg dafür, welch unwürdige Leiden die wunderbare Hildur in der Ehe mit dem ausländischen Offizier erdulden mußte. Ich zweifle nicht daran, daß es zumindest unter den männlichen Mitgliedern der baltischen Verwandtschaft eine ganz andere Version gegeben hat und neige dazu, meinen Großvater bei dieser Geschichte für nicht minder bedauernswert zu halten als meine Großmutter. Es muß für ihn ein Schock gewesen zu entdecken, was es eigentlich bedeutete, ein Mädchen aus einer gebildeten, tüchtigen, ungeheuer anständigen und dabei blitzgescheiten, aber durch und durch bürgerlichen und bürgerstolzen Familie heimgeführt zu haben. Hildur, die Angebetete - sie ermangelte im delikaten Punkte jeglicher Souveränität.

Aber Otto v. Freymann war ein Mann nicht nur von Welt, sondern auch von Ehre, und außerdem - nach Aussagen Kundiger - wirklich gutherzig. Er hatte dieses Mädchen nun einmal geheiratet, und nachdem er begriffen hatte, daß er sein Leben an ihrer Seite nicht so einrichten konnte, wie es an der Seite einer Dame von Stand selbstverständlich gewesen wäre, akzeptierte er die Situation. Als im Jahre 1884 seine Kommandierung nach Bulgarien abgelaufen war, zog er, wie schon berichtet, nach Fredrikshamn und lebte dort ein Provinzleben, wie es ihm nicht an der Wiege gesungen worden war. Er war es, der bei dieser Heirat den Kürzeren zog. Hildur blieb in ihrem Milieu, umgeben von einer weitläufigen Verwandtschaft, in der sie die Liebe und Achtung aller genoß. Sie war nicht in der Residenz des Zaren aufgewachsen und vermißte den Glanz der Hauptstadt und des Hofes nicht. Aber er - muß er nicht so manches Mal geträumt haben von einer Karriere, die er aufgegeben hatte, von Arbeitsmöglichkeiten, wie er sie in Bulgarien genossen hatte, von Herausforderungen, die einen Offizier faszinieren konnten? Von den Hofbällen, von den Konzerten, der Oper, dem Ballett, dem Gesellschaftsleben in St. Petersburg, die ihresgleichen in ganz Europa nicht hatten (außer möglicherweise in Paris)?

Nun hätte er ja wenigstens nach dem Motto "Lieber der Erste in Fredrikshamn als der Zweite in St. Petersburg" in besagtem Provinsznest ein standesgemäßes Haus führen, die schönsten Toiletten, den kostbarsten Schmuck für seine Angetraute kommen lassen und die finnischen Kleinbürger mit dem Abglanz der großen Welt blenden können. Das tat er aber nicht. Mein Großvater war auf seine Art ein Spinner - wahrscheinlich wäre er sonst auch gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man eine Hildur Neovius ehelichen könnten - und bezog in puncto Geld einen vollkommen abwegigen Standpunkt, nämlich: "Ein Mann von Ehre lebt von dem, was er selbst verdient, und von sonst nichts."

Damals jedoch wurde russischer Offizier nur, wer von seinem Vermögen leben konnte, und das sollte er auch. Der Gedanke, ein Offizier könnte sich und auch noch seine Familie von seinem eher symbolisch gemeinten Gehalt ernähren wollen, lag im Reiche des Zaren außerhalb des gesellschaftlichen Horizonts - warum hätte er Leute gut bezahlen sollen, deren privilegierter Status ja darin gründete, daß sie ihm einen als Ehre verstandenen Dienst \it schuldeten. Die Freymanns waren reich - so reich, wie man eben nur im alten Rußland war. Es gab einen Familienfonds, aus dem man entnehmen konnte, was man brauchte; das zu tun war nicht ehrenrührig, sondern selbstverständlich.

Mein Großvater definierte seine Ehrbegriffe um - aber ohne Rücksicht auf die Realitäten. Meine Großmutter gebar hintereinanderweg, wie es damals üblich war, fünf Kinder. Von einem Gehalt, das in St. Petersburg bei standesgemäßem Lebensstil nicht einmal für eine Person gereicht hätte, sollten deren sieben leben - und das taten sie auch. Natürlich lebte man in Fredrikshamn unvergleichlich viel billiger als in der Hauptstadt, und natürlich war meine Großmutter einen bescheidenen Rahmen gewohnt. Aber jetzt wäre er nicht mehr nötig gewesen. Machte das für sie keinen Unterschied? Gespart wurde an allem - sogar am Essen. Mein Vater hatte, als er nicht mehr mit den Schwestern das Zimmer teilen konnte, kein eigenes Zimmer, sondern schlief in einem Alkoven, der nur durch einen Vorhang vom Wohnzimmer getrennt war. Wenn ich mir vorstelle, daß die kluge, kultivierte Hildur, die so gern Bücher gelesen und Klavier gespielt hätte, statt dessen stundenlang die Strümpfe ihrer fünf Kinder stopfte - was nun beileibe nicht nur für Damen von Stand, sondern auch für jede bessere Bürgersfrau eine unzumutbare Beschäftigung war -, dann frage ich mich noch heute, warum sie sich damit abfand. Resignierte sie in der Einsicht, daß ihr Mann in diesem Punkte keinem Einfluß zugänglich war, ein Querkopf und Eigenbrötler? Oder war es umgekehrt: Liebte sie ihn gerade auch um dieser sonderbaren, sozusagen bürgerlichen Ehrenhaftigkeit willen? Und vielleicht war er ja darüber hinaus nicht ganz so unbedeutend, wie er der Familie Neovius erschien - ein Mensch, der die Landessprache nie perfekt lernt, wird nur allzu leicht unterschätzt. Die Frage, die einem auf der Zunge brennt, ich kann sie nicht beantworten: Waren sie denn nun miteinander glücklich, die beiden, die sich gegen alle Konventionen ihrer Zeit gekriegt hatten? Niemand weiß es genau. Aber alle, die die beiden kannten und sie in ihrem täglichen Umgang miteinander erlebten, zeugen von großer Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit der beiden untereinander."

Am 17. März 1880 vermählte er sich mit Hildur Johanna Neovius, geboren am 5. April 1855, Tochter des Lehrers der Mathematik am Kadettencorps in Fredrikshamn Generalmajor Eduard Neovius und der Elise Gustafva Krogius.

Aus dieser Ehe sind folgende Kinder entsprossen:


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