200. Olga Margarethe


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Tochter des Otto Nikolai Julius Samuel v. Freymann (Nr. 165) und dessen Gattin Hildur Neovius, geboren am 15. Februar 1886 in Fredrikshamn in Finnland.

Nachdem sie ihre Schulbildung zuerst in Fredrikshamn (1894-1901) dann in Helsingfors (1901-03) erhalten, besuchte sie ein Lehrerinnenseminar (1904-06) und war seit Oktober 1907 bei der Kalewa-Lebensversicherungsgesellschaft in Helsingfors angestellt.

Thelma v. Freymann (Nr. 222) schreibt über sie: "Hochgewachsen, gertenschlank und mit einem klaren, klassisch feingemeißelten Gesicht sah sie aus wie die Göttin Artemis in Person und hätte sich für einen Platz in der Nymphenburger Schönheitsgalerie qualifizieren können, wenn sie sich höfisch angezogen, frisiert und geschmückt hätte. Die bloße Vorstellung jedoch, daß sie sich einer solchen Erniedrigung hätte unterziehen können, grenzt an Blasphemie. Denn Olga war "begabt", selbst im Kreise der Neovier außergewöhnlich. Niemand wäre so unverschämt gewesen, sie "die schöne Olga" zu nennen und solchermaßen mit Saima und Tante Thyra in einen Topf zu werfen. Sollte irgendwelchen Kadetten oder anderen unwürdigen Wesen ihretwegen das Herz gebrochen sein, so ist davon jedenfalls nichts überliefert; ich bezweifle, daß es jemand wagte, die Augen zu ihr zu erheben.

In Olgas schönem Kopf war ein Computer eingebaut: Sie verrechnete sich nie. Sie wußte einfach nicht, wie man das macht. "Aber man sieht doch, daß das falsch ist!" sagte sie konsterniert, wenn einer der Schwestern solch Mißgeschick unterlief. Sie wurde später Chefmathematikerin in einer Versicherungsgesellschaft - für eine Frau des Jahrgangs 1886 sogar in Finnland eine staunenswerte Position. Aber damit nicht genug. Offenen Sinnes und wachen Geistes an den Dingen der großen Welt jenseits der Ostsee interessiert, reiste sie - als Frau allein - auf den Kontinent, war eine zeitlang an der finnischen Botschaft in der Schweiz tätig, und begegnete dort Rudolf Steiner. Er machte einen tiefen Eindruck auf sie; die Hochbegabte vermochte seinen komplizierten Gedankengängen zu folgen und überzeugte sich von deren Richtigkeit. Sie gründete die Anthroposophische Gesellschaft Finnlands mit und übersetzte so nebenher zusammen mit ihrer Schwester Hildegard Steiners Werke ins Schwedische.

Olgas Intellekt hatte die Qualität eines Rasiermessers; jederzeit wäre sie in der Lage gewesen, jeden Anwesenden zu überführen, dummes Zeug geredet zu haben. Das tat sie zwar meistens nicht - auch dazu war sie zu gescheit -, aber das unbehagliche Gefühl, daß man es nur ihrer Großmut zu verdanken hatte, wenn einem eine Blamage erspart blieb, machte ein Zimmer leicht ungemütlich, solange sie sich darin aufhielt - es sei denn, sie saß am Klavier und spielte zu Reigentänzen auf.

Sie kam nicht oft zu uns und blieb nie lange. Ihr Verhältnis zu meinem Vater war kühl. Natürlich hätte er niemals zugegeben, nicht einmal vor sich selbst, daß sie ihm überlegen war, er war ja selbst der "Begabten" einer und litt nicht an Minderwertigkeitskomplexen. Olga aber verweigerte ihm den Tribut bewundernd aufwärtsgerichteter Blicke, den die anderen Schwestern dem Ertsgeborenen von Kindheit an reichlich gezollt hatten. In meine Erinnerung ist "Olletante" als quasi Stahlstich eingraviert, in einer Couchecke sitzend oder halb liegend (sie war in späteren Jahren von angegriffener Gesundheit), schweigsam mit unbeschreiblich wachem, durchdringendem Blick alle Vorgänge im Raum verfolgend, und ihr gelegentlich halblautes "Aha" oder "Soso" hängt mir noch heute im Ohr. Nur das - aber der Ton geheimen Spottes, in dem sie diese zwei Silben äußerte, vermittelte ein "Du redest wieder einmal Unsinn, aber ich werde darauf nicht eingehen - es lohnt sich nicht". Zu Kindern sprach sie nicht so, aber ein herzliches Verhältnis gewann ich zu ihr nie - sehr im Gegensatz zu den drei anderen Tanten, von denen ich eine mehr liebte als die andere. Niemals habe ich erlebt, daß "Olletante" sich mit ihrem Intellekt in Gesellschaft produzierte - dazu war sie zu gut erzogen -, und niemals habe ich sie in einer " sachbezogenen" Situation erlebt, in der sie es ungeniert gekonnt hätte. Dennoch, allein aufgrund ihrer Augen und ihres Gesichtsausdrucks, die sich mir unvergeßlich eingeprägt haben, steht sie vor mir als die Verkörperung des Begriffes "erzgescheit".

Nur der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, daß man sie in ihren eigenen Kreisen von einer ganz anderen Seite kannte. Dort galt sie als gesellig, witzig, amüsant, großzügig und ungemein liebenswert. Die Antroposophen verehrten sie dermaßen, daß Hildegard, die die kränkelnde bis zu ihrem Tode pflegte, sehr zu ihrem Mißvergnügen später gelegentlich neidvolle Bemerkungen des Inhalts zu hören bekam, welch ein Privileg es gewesen sein müsse, diesen wunderbaren Menschen pflegen zu dürfen.

Olga Margarethe starb am 8. Februar 1966 in Helsinki.


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