74. Carl Otto Friedrich


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Sohn des Otto Reinhold v. Freymann (Nr. 55) und seiner Gattin erster Ehe Juliane Jacobine v. Stackelberg, geboren 16. Mai 1788.




Carl Otto Friedrich (Nr. 74)

Er verbrachte sein Jugendzeit auf Alt-Nursie. Hier wohnte er mit seinen Brüdern und Vettern in einem besonderen Häuschen auf der Pferdekoppel. Der rationalistische Kandidat der Theologie Gnuechtel, der Hauslehrer, hatte die Knaben in seiner Obhut. Diese nutzten die freien Stunden zu kühnen Ritten und ähnlichen Übungen. Seine militärische Ausbildung erhielt er gleich seinen Brüdern Rudolph Friedrich Ludwig (Nr. 72), Georg Gustav (Nr. 75) und Hermann Jacob (Nr. 76) im St. Petersburger II. Cadettencorps.

Aus dem Cadettencorps am 10. August 1803 befördert zum Unterleutnant vom Ingenieurscorps mit Zuzählung zum St. Petersburger Ingenieurcommando. Am 25. März 1805 wurde Carl Otto Friedrich nach Yrusien commandiert, wo er an den Kriegen gegen die Gebirgsvölker teilnahm; unter anderem befehligte er ein kleines Detachement (mit zwei Geschützen) welches an der Brücke über die Moltowka den Übergang vom Corps des Eryesumer Sesaskiers1 Sohefir Pascha's (12 000 Mann) verhinderte und so von unserer Hauptarmee angegriffen und vollständig vernichtet werden konnte; dabei erhielt Carl-Otto-Friedrich eine Confusion am rechten Schenkel.

Vom 26. Oktober bis zum 25. November befand er sich bei der Blockade der Festung Poti2. Hier wurde er zu den gefährlichsten Aufträgen verwendet. Wobei er sich eine Verwundung durch einen Flintenschuß zuzog.

Den 27. November avancierte er zum Leutnant; für erwiesene Tapferkeit wurde er mit dem St. Wladimirorden 4. Klasse mit Schleife belohnt. Kapitain am 20. September 1811. Am 12. Mai 1814 wurde Carl Otto Friedrich ins Rigaer Ingenieur Commando übergeführt, woselbst er am 1. Dezember 1817 zum Oberstleutnant befördert wurde. Am 6. Juni 1818 wurde er zum Gehilfen des Chefs vom Lievländischen Ingenieur Bezirk ernannt und am 16. August 1819 zum Chef des Rigaer Ingenieur Commandos. Obrist seit dem 8. Januar 1827.

Den 12. Dezember 1829 wurde er zum Chef des Rigaer Ingenieur Bezirks ernannt und am 7. April 1835 zum Generalmajor befördert, mit Belassung in der innegehaltenen Stellung. Den 11. August 1836 wurde er zum Chef des Kiewer Ingenieur Bezirks und zum Erbauer der Kiewer Festung ernannt. nach 11 Jahren, am 6. Dezember 1847, wurde Carl Otto Friedrich zum General-Leutnant befördert mit Belassung in der innegahabten Stellung.

Am 28. Januar 1849 wurde er zum Vorsitzenden der temporären Commission zur Erbauung des Kiewschen Kadettencorps ernannt, mit Belassung in der früheren Stellung. Bald nach stattgehabter Feier seiner 50jährigen Dienstzeit ersuchte Carl Otto Friedrich krankheitshalber um seinen Abschied, welcher ihm auch am 23. April 1854 zu Teil wurde, mit Erlaubnis zum Tragen der Uniform und mit Pension im Betrage des vollen Jahresgehalts. Er starb in Kiew am 18. Dezember 1858 und ist auf dem Kiewer evangelischen Friedhof bestattet.

Ein Ehrenmann durch und durch, war Carl Otto Friedrich ein treuer Diener seines Kaisers und seines Vaterlandes. Ihm wurde das Glück zu Teil, das volle Zutrauen Kaisers Nicolai I. zu erwerben und dauernd zu erhalten. Die Strenge der Forderungen des Hochseeligen ist ja allbekannt, ebenso auch, daß seine Majestät selbst ein hervorragender Ingenieur war. Desto größeres Gewicht muß man also den Belohnungen und Auszeichnungen beilegen, mit welchen Carl Otto Friedrich beehrt wurde.

Am 2. April 1833 erhielt er einen Brillantring mit allerhöchstem Namenszug für Erbauung des neuen Arsenal Packhauses in Riga. Den 15. April 1836 eine einmalige Gratification im Betrage von 4000 Rubel Assignation. Den 19. Februar 1838 für ausgezeichnet eifrigen Dienst 3000 Dessjätines Land um Saratowschen Gouvernement; den 21. Februar 1841 eine goldene, mit dem Namenszug seiner Majestät in Brillianten versehene Tabaksdose; den 14. April 1843 eine Gratification im Betrage eines vollen Jahresgehalts. Am 10. August 1853, zur Feier des 50jährigen Jubiläums ausgezeichnet eifriger und höchst nutzbringender Dienstzeit erhielt Carl Otto Friedrich eine Arrende im Betrage von 2000 Rubel auf 12 Jahre und gesuchte seine Majestät anzuordnen, daß sämtliche Großsöhne von Carl Otto Friedrich auf Kronskosten im Pagencorps seiner Majestät erzogen werden.

Außer diesen Belohnungen erhielt Carl Otto Friedrich noch viele Beweise der allerhöchsten Anerkennung seines Dienstes in Form von Danksagungen. Es sind deren 22 in seinem Dienstverzeichnis angeführt. Die meisten sind "für untadelhafte Ausführung aller Festungsarbeiten, sowohl betreffs der anerkennungswerten Schnelligkeit, als auch der ausgezeichneten Schönheit und Reinheit aller Arbeiten" , "für die in allen Hinsichten musterhafte Ordnung bei der Ausführung der Arbeiten" und "vorzügliche musterhafte Instandhaltung, für Schnelligkeit und Erfolg der Arbeiten, sowie für tadellose Ausführung derselben."

Den 16. Mai und 26. August 1829 erheilt er zwei Allerhöchste Danksagungen für

besondere Auszeichnung bei der Errettung der Bewohner von Riga und Dünamünde bei den im April desselben Jahres stattgefundenen Überschwemmungen.

Außer den bereits genannten Orden besaß Karl Otto Friedrich nun folgende: den St. Georgschen 4. Klasse (26. November 1826, für 25 jährigen Dienst im Offiziersrange, den St. Annenorden 2. Klasse, 6. Dezember 1827), denselben Orden mit kaiserlicher Krone (Mai 1839), den St. Stanislaw-Orden der I. Klasse (1840), den St. Annenorden I. Klasse (1845), denselben Orden mit kaiserlicher Krone (29. November 1849), den St. Vladimir-Orden 3. Klasse (26. Januar 1852) und außerdem Schnallen für XXV, XXX, XXXV, XL und XLV jährigen Dienst.

1836 erdachte Carl Otto Friedrich ein Verfahren, um die seit über hundert Jahren in der Gießergrube liegende Zarenglocke, die beim Hinabstürzen geborsten war, zu heben. Es gelang! Da sie ohnehin nicht mehr geläutet werden konnte, wäre es sinnlos gewesen, sie in einen Kirchturm zu hängen. Statt dessen wurde sie auf einem achteckigen Sockel vor dem Kreml aufgestellt. Der Zar wollte den Ingenieur-Offizier damit belohnen, daß er ihn zum Baron machte. Das wollte der aber gar nicht werden, denn er wäre dann ein russischer Baron gewesen, und das galt ihm weniger als ein schlichtes baltischen "von". So erklärte Karl Otto Friedrich, daß er lieber seinen alten Namen behalten wolle, dafür aber um eine besondere Gunst bitte: Alle seine männlichen Nachkommen sollten das Recht haben, ins Pagencorps aufgenommen zu werden. Dies gewährte ihm der Zar und fügte hinzu, daß es auf Staatskosten geschehen solle. Zudem schenkte er ihm eine goldene Nachbildung der Glocke mitsamt Sockel.

Am 29. Januar 1817 hatte Karl Otto Friedrich v. Freymann sich mit Charlotte Helene Dorothea v. Torklus vermählt, geboren am 12. Juni 1801 zu Burtnek (Kreis Wolmar, Kirchspiel Burtnek) als Tochter des Hofrats Samuel v. Torklus und dessen Gattin Annette Charlotte Karoline v. Jamerstedt auf Neu-Wohlfahrt. Charlotte Helene Dorothea v. Torklus war eine Schwester der Anna Louise Juliane v. Torklus, verehelicht mit Rudolph Friedrich Ludwig v. Freymann (Nr. 72). Charlotte Helene Dorothea v. Freymann geb. v. Torklus transigierte am 5. Januar 1822 (corrol. am 16. März 1822) mit ihrem Bruder, dem Artillerie-Fähnrich Carl Samuel Ferdinand v. Torklus dergestalt, daß letzterer Neu-Wohlfahrt für 35000 R. S. übernahm, worauf er es jedoch am 16. April 1828 (corrol. den 19. Juni 1828) für 31500 R. S. wieder an sie (Charlotte Helene Dorothea v. Freymann geb. Torklus) verpfändete. Diese zedierte das Gut am 3. Mai 1834 (corrol. am 5. Juli 1834) für 35000 R. S. der Alexandra Dorothea Zachrisson geb. v. Medem.

Charlotte Helene Dorothea starb am 11. Mai 1846 in Kiew, wohin sie ihrem Gatten gefolgt war und wurde am 13. Mai desselben Jahres auf dem dortigen evangelischen Friedhof zur Ruhe bestattet.

Dieser Ehe sind folgende Kinder entsprossen:

Nach dem Tode der ersten Gattin heiratete Karl Otto Friedrich v. Freymann am 13. August 1850 Julie Caroline Constance v. Schwarz in II. Ehe, geboren am 16. Februar 1811 zu Mohilen am Dnjepr als Tochter des Obersten Nikolai v. Schwarz, die ihm am 18. August 1851 mit einer Tochter Julie Elise Olga Marie beschenkte und am 15. Juli 1856 einen totgeborenen Sohn zur Welt brachte.

Am 18. Dezember 1858 verschied Karl Otto Friedrich v. Freymann in Kiew an der Wassersucht und wurde am 22. Dezember desselben Jahres auf dem dortigen evangelischen Friedhof zur Ruhe bestattet.

Sein Name ist unter dem Altar der evangelisch-lutherischen Kirche zu Kiew eingegraben, als einer der tätigsten Mitwirkenden bei dem Bau der Kirche. Zur Charakterisierung des Verstorbenen mögen hier die Worte wiederholt werden, die der Professor der Chirurgie an der Kiewschen St. Vladimir-Universität, Theodor Erhard, am 22. Dezember 1858 dem Entschlafenen an dessen offenen Grabe nachrief:

Das Bedürfnis, die mich erfüllenden Gefühle der Dankbarkeit auch zum Ausdruck zu bringen, zwingt mich, den schmerzvollen Abschied vom verblichenen Mitbruder noch um einige Augenblicke zu verlängern. Nicht werde ich sprechen von seinen dienstlichen Eigenschaften, nicht werde ich erwähnen, daß nie ein Bedürftiger seine Schwelle ohne materielle Hilfe verließ, ich werde auch nicht von dem reden, was er als Familienvater war - seine trefflichen Züge in diesen Hinsichten sind schon lange genügend anerkannt, und meine Worte können hier nichts hinzufügen. Ich will auf den Charakterzug des Verewigten hinweisen, welchen ich als Jüngling erfuhr und mit mir der ganze, den seligen Umgebende junge Generation; in der hehren Seele des Verblichenen erweckte jede Regung, jeder Aufschwung, jedes warme Gefühl des Jünglings einen Widerhall - fand Teilnahme. Weder die Eckigkeit der Form, noch die Beschaffenheit der Regung wirkten auf das Mitgefühl des Greises ein - eine umso erfreulichere Tatsache, als die jugendlichen Regungen und Wallungen sehr oft als etwas beleidigendes, ja feindseliges angesehen werden. Indem er Mitgefühl fand, vertraute der Jüngling alle seine Empfindungen freimütig dem Greise an und nahm mit Dankbarkeit die Ratschläge des erfahrenen Alters entgegen, besonders da diese Ratschläge nie aufgedrängt, sondern zwischen Gleichen ausgetauscht wurden, ohne jegliche Kränkung der Eigenliebe, welche ja beim Jüngling bedeutend entwickelt ist, der zwar seiner Kraft sich bewußt ist, jedoch noch nicht Gelegenheit hatte, sie zu prüfen. Für die Wunden, welche den Gefühlen der Jugend geschlagen wurden beim Anprall der Wallungen der warmen jugendlichen Seele mit der kalten Vernunft oder selbstsüchtigen Berechnungen - war die Rede des Seligen ein heilbringender Balsam. Diese wohltätige Einwirkung des Verstorbenen, welcher es verstanden hatte - auch auf der hohen Stufe der Hierarchie - vor allem Mensch zu bleiben, habe ich persönlich erfahren, ebenso wie die ganze ihn umgebende junge Generation.

Sein Haus war uns allen stets offen, und wir fühlten uns in demselben, als befänden wir uns in unserem Familienkreise. Ich bin vollkommen überzeugt, daß alle diejenigen jungen Leute, welche durch zwingende Gründe verhindert waren zu erscheinen, um den letzten Abschied zu nehmen vom Greise - ihrem Freunde - sich in Gedanken an dieser öffentlichen Kundgebung unserer Erkenntlichkeit beteiligen. Leicht sei Dir die Erde, Mitbruder, Du Freund der Regungen und Gedanken der Jugend, möge die Erinnerung an diese letzten Augenblicke des Abschieds von Dir in uns allen den Wunsch erregen, uns die Kraft geben, für das aufwachsende Geschlecht das zu sein, was Du für uns warst.

Seine Witwe, Julie Caroline Constance geb. v. Schwarz, überlebte den Gatten um ein Vierteljahrhundert. Sie starb am 23. Juli 1884 in Bassnowka bei St. Petersburg an Gehirnerweichung und wurde am 26. Juli desselben Jahres in St. Petersburg zur Ruhe bestattet.


1 Höchste Militärtwürde der Türkei
2 türkische Festung, wurde zuerst 1812, dann 1829 von den Russen genommen. Befindet sich im Kreis Sugdidi des transkaukasischen Gouvernements Kutrais

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