Vorwort zum Manuskript

Das livländische Adelsgeschlecht derer v. Freymann führt seinen Ursprung auf den Generaladjutanten und Major in schwedischen Diensten Johann Neumann zurück, der am 20. August 1666 in den schwedischen Adelsstand erhoben wurde, wobei ihm "zum Unterschied von anderen Familien" der Name "v. Freymann" verliehen wurde.

Näheres über die Herkunft ist nicht bekannt, Forschungen darüber sind freilich auch nie angestellt worden, doch muß wohl mit Sicherheit angenommen werden, daß das Geschlecht - obwohl schwedischen Adels - nicht schwedischer, sondern deutscher Abstammung ist. Hierfür spricht der deutsche Name des Begründers des Geschlechts - Johann Neumann - wie auch der Umstand, daß ihm bei Erhebung in den schwedischen Adelsstand wiederum ein deutscher Name - v. Freymann - verliehen wurde, sodann daß der Adelsbrief nicht in schwedischer, sondern in deutscher Sprache abgefaßt ist, sowie schließlich die Tatsache, daß Johann v. Freymann, ohne in Schweden um Introduktion nachzusuchen, sich direkt in dessen damalige deutsche Provinz Livland wandte.

Das dem Geschlecht bei dessen Nobilitierung verliehene Wappen wird im Diplom folgendermaßen beschrieben:

In einem mit blau und weißen Laubwerk umgebenen Schildt im weißen Felde zwei kreutzweis stehende Standarten mit einem halben Mondt; neben und unter denselben ein Pfeil, darüber einen offenen Turnierhelm, und auf demselben ein Krantz mit vier Standarten und in der Mitten ein Pfeil.

Seit dem Jahre 1666 ist die Familie in Livland ansässig und gehört seit demselben Jahre der livländischen Ritterschaft an. Bei Aufrichtung der Adelsmatrikel wurde das Geschlecht unter Beifügung seines Stammgutes Nursie als v. Freymann a. d. H. Nursie (unter Nr. 93) in demselben verzeichnet.

Der ehemals reiche Grundbesitz der Familie ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stetig zurückgegangen. Während das Geschlecht die schweren Zeiten des Krieges, der Verwirrung und Not, die im 17. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf Livland lagen, in ungebrochener Kraft überstehen konnte, war es den Anforderungen, die die neue Zeit an den praktischen Sinn des Gutsherrn stellte, offenbar nicht gewachsen. Das zähe Ringen der Familie um ihr Stammgut Nursie war noch nicht zum endgültigen Abschluß gekommen, als der Zusammenbruch Deutschlands im Weltkriege Livland den Untergang brachte und im großen nationalen Unglück die kleinen Sorgen und Hoffnungen der Familie auch wegen Rückgewinnung des geliebten Gutes zum Schweigen gebracht wurden.

Durch das lettische Agrargesetz vom Oktober 1919 ist der Familie dann auch ihr letzter Besitz in Livland, das Gut Nurmis (Kreis Wolmar, Kirchspiel Rujen), durch staatliche Enteignung verlorengegangen, nachdem dessen Besitzer, Hermann v. Freymann (Nr. 133) bereits am 18. März 1919 von lettischen Bolschewiken ermordet worden ist.

Bei vielen Gliedern der Familie ist, wie im livländischen Adel häufig, militärische Befähigung vorhanden, ererbt vom Stammvater des Geschlechts und in der kriegerischen Geschichte des Landes weiterentwickelt. Dieser militärische Sinn, der im Lande selbst keine Verwendung finden konnte, nachdem dieses vom Mutterland losgelöst unter fremde Herrschaft gekommen war, mußte in fremden Diensten nach Betätigung suchen. In schwedischen, selbst in holländischen, später in russischen Kriegsdiensten haben zahlreiche Glieder der Familie Anerkennung und Ruhm gewonnen.

Daß diese Entwicklung, soweit russische Dienste in Frage kamen, die Gefahr der Entnationalisierung in sich barg, liegt auf der Hand. Dort, wo die lebendige Verbindung mit der Heimat gelöst war, Generationen - schon in fremden Verhältnissen aufgewachsen - der Laufbahn des Vaters folgten, durch Ehen mit russischen Frauen schließlich das angestammte evangelisch-lutherische Bekenntnis der Heimat verloren gegangen und das Bewußtsein des Blutes erschüttert war, mußte Entfremdung dem Lande, dem Volkstum und der Familie eintreten. Daß dieser Tribut, den die Familie v. Freymann, gleich den meisten Familien livländischen Adels, in ihrem Blute dem russischen Reiche hingeben mußte, sich bei ihr schließlich bloß auf einige wenige Glieder beschränkt hat, muß als eine besondere Bewahrung angesehen werden. Über diese Glieder und ihre Nachkommen liegen Nachrichten nicht mehr vor. Es ist zu befürchten, daß sie Opfer der bolschewistischen Revolution in Rußland geworden sind, so daß der russische Zweig der Familie als erloschen angenommen werden kann. Ein Zweig der Familie ist über Rußland nach Finnland gewandert und nun bereits in dritter Generation dort ansässig.

Im jetzigen Lettland hat die Familie zur Zeit (1927) bloß zwei männliche Vertreter aufzuweisen, die aus Rußland in die alte Heimat zurückgewandert sind. Der in Livland in geschlossener Generationenfolge seßhaft gebliebene Kern der Familie ist dort in seinen männlichen Vertretern erloschen, nachdem diese teils durch lettische Bolschewiken ermordet, teils in Folge der dortigen politischen und nationalen Umwälzungen nach Deutschland zurückgewandert sind.

Diese Zweige sind zur Zeit noch in Deutschland blühend. Die gesammelten Nachrichten über das Geschlecht wurden hier in Lebensläufen seiner einzelnen Glieder gegeben, wobei möglichste Vollständigkeit angestrebt wurde, jedoch - besonders für die neuere Zeit - leider nicht immer erreicht werden konnte, eben weil das Material nicht mehr zu beschaffen war. Aus demselben Grunde konnte auch eine gleichmäßige Darstellung der einzelnen Abschnitte nicht stattfinden. Die Anordnung erfolgt nach der Numerierung im Familienstammbaum, der dieser Arbeit beigelegt wird1. Zur bequemeren Orientierung sind in den einzelnen Abschnitten Verzweigungen auf Vor- und Nachfahren der in ihnen behandelten Personen angebracht.

Erläuterungen zum Text werden, um diesen nicht zu belasten, in Fußnoten gegeben, in gleicher Weise findet die Angabe der für die Arbeit benutzten Quellen statt. Soweit es sich hierbei um ungedrucktes Material handelt, wird dieses in einem der Arbeit beigelegten Urkundenteil2 teils unverkürzt, teils in mehr oder weniger ausführlichen Regesten wiedergegeben. Hierbei ist die Form der Vorlage möglichst erhalten, auch deren Orthographie und Interpunktion ist beibehalten und nur die deutsche Schrift durch die lateinische ersetzt worden.

Die einzelnen Stücke werden im allgemeinen nach der Zeit ihrer Entstehung wiedergegeben und bloß, wo sie inhaltlich miteinander aufs Engste verbunden sind, abweichend von der Regel nebeneinander untergebracht. Sie sind mit fortlaufender Numeration und vorgesetzter Zeitangabe versehen. Den mehr oder weniger ausführlichen Regesten folgen Vormerkungen betreffend

Zur bequemeren Handhabung der Arbeit ist ihr ein Personen- und Ortsregister beigegeben. Berlin, im Dezember 1927
Georg v. Freymann


1 Dieser Arbeit liegt kein Stammbaum bei. Ein aktueller Stammbaum wurde im Auftrag von Jürgen v. Freymann gemalt und kann bei ihm bezogen werden.
2 Der Urkundenteil ist gleich anderen Teilen der Originalarbeit leider verschollen und kann aus den spärlich zur Verfügung stehenden Daten auch nicht rekonstruiert werden

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